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Happy Mai oder ein ganz normaler Morgen

Von Energie-Level, Tänzen, positiven Affirmationen und dem bisschen Leben dazwischen.

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Es gibt so Tage, an denen bin ich schon müde vom Atmen, zu ausgelaugt, um sinnvolle Entscheidungen zu treffen, zu erschöpft vom Denken. Kurzum: mein Energie-Level ist auf 10 unter 0 – und dann klingelt der Wecker.

Schöne Scheiße.

Er macht das mit einer Hartnäckigkeit, die an die Beharrlichkeit heranreicht, mit der ich vergesse, rechtzeitig das Schulmittagessen meines Sohnes zu bestellen oder an das rote Sitzkissen meiner Tochter für den Waldtag im Kindergarten zu denken. Sehr hartnäckig halt. Verdammt beharrlich. Never ending story.

Das Problem: den Wecker kann ich muten, das schlechte Gewissen nicht. Da hilft es auch nicht, dass mein Sohn wenigstens automatisch das vegetarische Gericht zugewiesen bekommt und die Hose meiner Tochter ganz sicher warm genug für einen „Popo-auf-Waldboden-Tag“ ist.

„Du bist die beste Mutter für deine Kinder, Jenny!“

Es ist der 29. April 2022, 6.30 Uhr. Ich stehe neben dem Bett. Das hebt mein Energie-Level schon mal auf Nullstand an. Es wird!

„Dieser Tag bietet mir alle Möglichkeiten!“

06:35 Uhr: Ich springe in meine Klamotten und checke meine Emails. Jemand hat ein Angebot gekauft. Ich tanze.

„Ich bin unbesiegbar!“

Level 10 von 100.

07.00 Uhr. Küchentisch. Zwei Melt downs, die Androhung eines Auszuges und eine verhinderte Verleumdungsklage später haben die Kinder begriffen, dass das Aufstehen nicht rückgängig zu machen ist. Wir kommen gut durch den Morgen.

„Mein Tag wird großartig!“

Level 30 von 100.

07:15 Uhr: Kind 1 im Bus – hoffentlich. Kind 2 im Bad. Ich frisiere etwas hoffentlich Haltbares in die Mähne meines Mädchens hinein und visualisiere dabei das rote Sitzkissen mit der schwarzen Gummierung. Ich visualisiere, wo es gerade liegt. Wie es sich wohl grade fühlt. Wann ich an ihm vorbeilaufen werde. Und dass ich dann einfach nur zugreife und es einpacke. Ja, das werde ich – einfach so.

„Du kannst alles schaffen, was du willst!“
Level 40 von 100.

07.30 Uhr. Das Kind, das hoffentlich im Bus sitzt, steht offensichtlich wieder vor der Tür. Kein Bus. Dafür Streik. Puh, jetzt wird’s sportlich!

07:35 Uhr: Ich sinniere kurz darüber nach, dass ich neidisch auf die Durchsetzungskraft der Busgewerkschaft bin, werde dann aber durch das durchdringende Geräusch des Handys gestört. Der Kindergarten. Autsch. Kein Mittagessen heute – Corona im Küchenteam. Ich bin unsicher, wem ich gute Besserung wünschen soll: der Küchenkraft? Meiner Laune? Der Tür, die ich gleich eintrete? Entscheide mich zielsicher für das Packen eines Lunchpaketes aus den Überresten des Kühlschrankinhaltes und versichere dem Buskind indes, dass wir pünktlich in der Schule sein werden.

07:40: Mit fällt auf, dass ich nur Unterwäsche trage. Haare auf halb acht. Sandmann in den Augen.

„Ich bin mein eigener Ruhepol!“

07.45 Uhr: Ich muss lachen, dass die Welt morgen unterm Maibaum tanzt, denn mir wird klar, dass ich das tue, seit ich Kinder haben. Ein ewiger Tanz der Verantwortungen und Verbindlichkeiten. Aber hej:

„Das Leben ist ein Tanz und ich tanze es.“

Basta!

07:47: Irgendwas in mir sagt, dass ich mit meinen Atemübungen beginnen sollte.

07.48 Uhr: Ich behalte recht.

07:49: Die frisierte Mähne meines Kindes hat sich aufgelöst, das Lunchpaket wird als „unterirdisch“ deklariert und das Buskind erläutert mir haarklein, dass sein Mathelehrer es „random“ skalpieren wird, wenn wir nicht in fünf Minuten im Auto sitzen.

07.54 Uhr: Wir. sitzen. nicht. im. Auto.

07.55 Uhr: Das Auto rollt an, während ich die Rucksäcke anschnalle und die Kinder in den Kofferraum werfe. Ich korrigiere die Verwechslung und fahre los.

07:57 Uhr: Ich fokussiere mich auf die Dinge, die heute schon richtig gut gelaufen sind. Zum Beispiel darauf, dass ich mehr als Unterwäsche trage.

07.59 Uhr: Laut Obduktionsbericht wird die Todesursache ungeklärt bleiben, sagt das Buskind.

8.03 Uhr: Ein Blick in den Rückspiegel verrät mir: die Mähne meines Mädchens hat sich durch unerklärliche Umstände wieder in eine Frisur verwandelt. Vielleicht hat der versehentliche Wurf in den Kofferraum den nötigen Schwung verliehen.

„Alles hat einen Grund.“

Level 50 von 100.

8:05 Uhr: Schultor. Das Gesicht meines Buskindes hat sich in eine unerklärlich seltsame Mischung aus Gollum und Joker verzerrt. Ich bekomme Angst. Am meisten vor dem Mathelehrer.

Tschüss Kind – „Du wirst es schaffen, ich glaub an dich!“

08.15 Uhr: das Telefon klingelt. „Wolltest du Mimi nicht mit zur Kita nehmen?“ „Logo!“, säusel ich in die Freisprecheinrichtung und reiße das Steuer rum.

„Jeder Umweg erweitert den Horizont“.

08:17: Das Fahrtempo nimmt zu, das Energie-Level sinkt, die Frisur auf der Rückbank hält. Zumindest eine von uns!

08.20 Uhr: Mein Kind bemerkt meine bewusstseinserweiternden Atemübungen, die ich hinter dem Lenkrad veranstalte und versucht mit einem beherzten „Du bist die Erschafferin deines Lebens“ zu retten, was zu retten ist.

„Alles Bullshit“, denke ich. „Du Goldkind“, rufe ich lächelnd.

8:25 Uhr: Mimi erzählt mir, dass ihre Mama das Lunchpaket vergessen hat. Ich fühle mich kurz wie die Königin aller Mütter und stecke ihr die Banane zu, die in der Mittelkonsole liegt.

„Ich hab mein Leben unter Kontrolle!“

8:30 Uhr: wir kommen in der Kita an. P.Ü.N.K.T.L.I.C.H. Level 60 von 100. Statt der Anzahl der Coronafälle lese ich nur einen großen Zettel mit dem angsteinflößenden Wort „Notbetreuung“ an der Tür. „Danke, die brauche ich. Wo muss ich mich hinwenden und wer hört mir zu?“

08:31 Uhr: Die Tür öffnet sich und mein Kind darf rein. Mama ist ja selbstständig. Ich vergieße eine unsichtbare Träne der Erlösung, weil die Wichtigkeit meines Jobs indiskutabel scheint und springe freudig ans Auto zurück. Manch einer denkt vielleicht, ich tanze, dabei weiche ich eigentlich nur den spannenden Hürden des Lebens aus.

„Alles ist gut“ – visualisiere ich vor mich hin.

Level 70 von 100.

Und tatsächlich: keine Katastrophen an meinem Schreibtisch. Alles entspannt. Niemand will, dass ich Frisuren flechte. Keine Melt downs, keine Verleumdungsklagen. Niemand wird in den Kofferraum geworfen, niemand skalpiert. Beinahe zu ruhig dieser Frieden hier.

9:30 Uhr: Mein Mädchen hat „Popo-auf-Waldboden-Tag“

11:45 Uhr: Mein Buskind ärgert sich über die vegetarische Reispfanne auf seinem Teller.

Es gibt so Tage, an denen bin ich schon müde vom Atmen, zu ausgelaugt, um sinnvolle Entscheidungen zu treffen, zu erschöpft vom Denken. Kurzum: mein Energie-Level ist auf 10 unter 0 – und dann steh´ ich auf…

…und tanze.

Kommt gut in den Mai, ja?

Jenny

P.S.: 18:00 Uhr: Alle Popos blieben trocken. Niemand wurde skalpiert.

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